Die Wingenfelder auf Langeneß

Wo: Langeneß
Wann: Juni 2015

Ihr kennt nicht die Wingenfelder auf Langeneß? Das ist keine Bildungslücke, die sind auch äußerst selten auf der Hallig zu finden. Aber von Anfang an: Es ist Freitag, 15 Uhr in Schlüttsiel. Obwohl laut der großen Anzeigetafel in der nächsten Zeit keine Fähre auf die Halligen oder nach Pellworm abfährt, steht eine erstaunlich große Menschenmenge an der Südmole des kleinen Hafens und schaut hoffnungsvoll auf die Nordsee, die dank der Flut gerade wieder über die Weiten des Wattenmeeres hereinschwappt. Hier sind wir richtig. Hafen Schlüttsiel (c) spinagel.deWir gesellen uns zu der Truppe und bekommen nach einem kurzen Plausch mit einer rothaarigen Frau in hier etwas deplatziert wirkenden Stöckelschuhen ein schweinchenrosafarbenes Armband umgelegt. All inclusive durch das Wattenmeer – sieht so das neue Tourismuskonzept der Halligen aus? Knapp daneben. Die Veranstaltung heißt „Kultur auf den Halligen“ und heute spielt Wingenfelder in dem zur Bühne umgebauten Schafstall hinter dem Gasthof Hilligenley auf der Hallig Langeneß. Die beiden Wingenfelder-Brüder sind den Älteren wahrscheinlich eher durch ihre ehemalige Band Fury in the Slaughterhouse bekannt, die in den 90ern problemlos Stadien füllte. Die Veranstaltungsreihe „Kultur auf den Halligen“ findet dieses Jahr zum 7. Mal statt und bringt Künstler und Zuschauer in der entspannten Atmosphäre des nordfriesischen Wattenmeeres zusammen.

Seeadler im Hafen von Schlüttsiel (c) spinagel.de

Pünktlich um kurz nach drei kommt die MS Seeadler, um unsere Gruppe von knapp 150 Leuten an Bord zu nehmen. Die rothaarige Frau stöckelt tapfer als erste über die Gangway. Nachdem wir unser erstes Flens in der Hand haben, stellt sie sich als Christiane vor und gibt der gesamten Crew einen kurzen Überblick über den geplanten Tagesablauf. Erst ein wenig freies Spielen auf der Hallig, dann friesisches Grillbuffet, statt Verdauungsspaziergang tanzen zu Wingenfelder im Schafstall und nach dem Sonnenuntergang wieder im Gänsemarsch zu unserem Schiff zurück. Wenn alles gut geht, sind wir gegen 1 Uhr wieder auf dem Festland. Das hört sich nach einem guten Plan an.

Halligerkundung (c) spinagel.de

Auf Langeneß angekommen, setzen wir uns von dem Tross ab und erkunden auf eigene Faust einen Teil der gut 13 Kilometer langen Hallig. Die knapp 30 °C machen uns ein wenig zu schaffen, aber zum Glück entdecken wir auf unserem Weg entlang der Küste nach ein paar hundert Metern eine Badetreppe. Keine Badehose dabei und keiner in der Nähe, das passt doch.

Baden im Wattenmeer (c) spinagel.de

Nach der Abkühlung und einer ausgiebigen Salzwiesenerkundung meldet sich auch so langsam der Hunger. Das Grillbuffet ist grandios und der Ausblick beim Essen über die spiegelglatte Nordsee macht das Mahl für uns doppelt schön.

Warft auf Langeness (c) spinagel.de

Nach ein paar Buffetrunden machen wir uns zusammen mit dem Rest unserer Truppe und den inzwischen von Amrum, Föhr und den anderen Halligen dazugekommenen auf den Weg in den Schafstall. Der ist ordentlich geputzt und gar nicht unbedingt als Heimat der flauschigen Landschaftspfleger erkennbar.

Wingenfelder im Schafstall (c) spinagel.de

Das Ambiente und die Größe in Verbindung mit dem einen oder anderen Fury-Klassiker erinnern mich stark an mein erstes Fury-in-the-Slaugtherhouse-Konzert, 1988 im Husumer Speicher. Die Größe und die rustikale Innenausstattung kommen hin, nur waren es damals ein paar Zuhörer weniger. Die Location ist schon besonders, oder kann man sonst irgendwo während eines Konzerts ein paar Schritte nach draußen gehen und gleichzeitig die Bühne und den Sonnenuntergang über der Nordsee sehen?

Sonnenuntergang vor dem Schafstall (c) spinagel.de

Als es schon fast dunkel ist, machen wir uns auf den Rückweg Richtung Hafen. Zwischenzeitlich ist offensichtlich die Nordsee verschwunden, Ebbe nennt man das hier. Ob unser Schiff da noch eine Handbreit Wasser unter dem Kiel hat? Unser Kapitän gibt alles und nach ein paar Versuchen lösen wir uns mühsam aus dem Schlick und schippern gemächlich in Richtung Festland.

Zurück zum Fwstland (c) spinagel.de

Christiane fasst über den Schiffslautsprecher noch einmal unseren Tag zusammen und widmet sich dann, wie die meisten, ihrem Feierabendbier. Das wir mitten in der Nordsee auf der Schweinerücken genannten Sandbank ein paar Mal auf Grund laufen, bekommt die eine Hälfte unserer Gruppe nicht mit und die andere Hälfte ist so entspannt, dass es ihr egal ist. Solange genug Flens in der Kombüse steht, kann der Tag auch noch ein wenig länger werden. Um kurz vor eins kommen wir wieder planmäßig in Schlüttsiel an. Nordseeluft, ein opulentes Mahl, tanzen und ein paar Bier – jetzt können wir auch alle gut schlafen und träumen schon von „Kultur auf den Halligen“ im nächsten Jahr.

Text: Boris Kohnke, Juli 2015
Fotos: Boris Kohnke

Halligen

Halligen sind keine Inseln (zumindest sagen das die Einheimischen). Beide liegen im Meer, haben aber einen entscheidenden Unterschied. Die Inseln werden bei einer Sturmflut (meistens) nicht überflutet, die Halligen schon. Land unter heißt das und tritt 15- bis 20-mal jährlich auf. Damit die Bewohner keine nassen Füße bekommen und die Tiere keine Schwimmrekorde aufstellen müssen, sind die Häuser auf künstlichen Erhöhungen, den sogenannten Warften, gebaut. Bei Land unter sind nur die im Wattenmeer verstreuten Häuser auf ihren Warften zu sehen. Im schleswig-holsteinischen Wattenmeer gibt es 10 Halligen, von denen Langeneß mit knapp 10 Quadratkilometern die größte und mit circa 100 Einwohnern auch die bevölkerungsreichste ist.

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